Lorenz Graitl
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Email: lorenz36(at)gmail.com
Dissertationsprojekt
Arbeitstitel:
Sterben als Spektakel. Zur Transformation des altruistischen Suizids in der Spätmoderne.
BetreuerIn:
Prof. Dr. Helgard Kramer (Berlin)
PD Dr. Rolf-Dieter Hepp (Berlin)
Abstract:
In seiner Studie „Der Selbstmord" behandelt Émile Durkheim den altruistischen Suizid als archaisches Relikt, das charakteristisch für vormoderne Gesellschaften und fehlende Individualisierung sei. Betrachtet man die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, so fällt allerdings auf, dass Opfersuizide in der modernen Welt keineswegs verschwunden sind, sondern sogar zahlreiche neue Formen angenommen haben. Seit den sechziger Jahren verbrannten sich hunderte Menschen selbst, führten einen Hungerstreik bis zum Tode oder löschten ihr eigenes Leben - und das vieler anderer - durch eine Explosion aus. Wie lässt sich der Aufstieg solcher Phänomene, insbesondere das dramatische Anwachsen von Suizidanschlägen in den letzten Jahren, erklären? Sind sie wirklich Ausdruck eines „primitiven Bewusstseins" oder nicht vielmehr das Resultat fortschreitender Modernisierung? Ein zentraler Aspekt zur Erklärung altruistischer Selbsttötungen in der Gegenwart scheint jedenfalls die Etablierung einer globalen Mediengesellschaft zu sein. Waren so etwa die buddhistischen Mönche und Nonnen, die sich während des Vietnamkriegs selbst verbrannten, noch darauf angewiesen, dass ausländische Reporter über sie berichteten und Fotografien ihres Protests veröffentlichten, sind Organisationen wie Hisbollah und Hamas heute selbst zu Medienproduzenten geworden. Ihre „Propaganda des Todes", sei es in Form von Videotestamenten der Selbstmordattentäter oder durch Filmaufnahmen der Anschläge, wird oft schon wenige Stunden nach der Tat im Fernsehen gesendet oder ist im Internet abrufbar. Indem sie sich auf diese Weise der Weltöffentlichkeit präsentieren, treten sie mit westlichen Medien in Konkurrenz um politische Deutungshoheit.
Welche Funktion hat die mediale Inszenierung von friedlichen ebenso wie von gewalttätigen „Opfertoden"? Kann der eigene Tod als eine Form der Kommunikation betrachtet werden - und wer sind ihre Rezipienten? Wie groß ist die Gefahr der Nachahmung? Und schließlich: ist es möglich, anhand der spektakulären Selbstrepräsentationen die Frage, warum so viele Menschen bereit sind, ihr Leben für einen „höheren Zweck" aufzugeben, wirklich erschöpfend zu beantworten?
Studium/ Forschungstätigkeit
2000-2006 Studium der Ethnologie, Soziologie und Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Magisterarbeit zum Thema „Das Selbstmordattentat als Martyrium für die Nation. Eine vergleichende Betrachtung von Tamil Tigers und Hamas."
Seit 2006 Promotion am Institut für Kultursoziologie und Historische Anthropologie an der Freien Universität Berlin.
Vorträge und Veröffentlichungen
Massen, Mörder, Märtyrer. Zur Sozialpsychologie von Selbstmordattentaten. In: Blätter des Informationszentrums Dritte Welt, Nr. 293, S. 10-13 (Juni 2006). Link zum Volltext: http://shinju.wordpress.com/2008/07/22/14
Juli 2008 Sterben für die Kamera. Zur kommunikativen Dimension des Selbstmordterrorismus (Vortrag auf dem dritten Workshop des Netzwerks Terrorismusforschung, München)
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