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Bericht des siebten Workshops
NTF-Workshop an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe 2010
Unser siebter Workshop fand vom 15.-16 Juli 2010 in der Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe, Fachbereich Kunstwissenschaft und Medientheorie, und im ZKM Karlsruhe statt. Zu dem Workshop erschienen ca. 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter sieben Referentinnen und Referenten, die mit ihren Beiträgen wie gewohnt ein breites Forschungsfeld zum Terrorismus vorstellten und sowohl historische wie auch aktuelle Themen behandelten.
Als ergänzende Begleitveranstaltung besuchten die Teilnehmer des Workshops das öffentliche Seminar „Der professionalisierte Bürger“ im Medientheater des ZKM und folgten dem Vortrag des Ökonomen und Soziologen Gunnar Heinsohn über den Strukturwandel des globalen Wirtschaftsmarktes und dessen Auswirkung auf das regionale Finanzklima.
Neben den Vorträgen, die wie üblich das große interdisziplinäre Spektrum des Netzwerks-Terrorismusforschung belegten, sowie den sich anschließenden Diskussionen, fand eine Mitgliederversammlung der Interessengemeinschaft (IG) Netzwerk Terrorismusforschung statt. In dieser wurde über eine dauerhafte Absicherung der zukünftigen Workshops und der Planung eines NTF Readers referiert und diskutiert sowie drei neue Sprecher des NTF gewählt. Als Kandidaten für das Amt des Sprechers wurden aus dem Kreis der Anwesenden Sebastian Baden, Justyna Nedza und Bernd Zywietz vorgeschlagen und in offener Wahl gewählt.
Anke Hilbrenner, Universität Bonn
Gewalt als Sprache der Straße: Zentrum und Peripherie in der Geschichte des Terrorismus im Russischen Reich vor 1917
In ihrem Beitrag analysiert Anke Hilbrenner die historische Aufarbeitung des sogenannten modernen politischen Terrorismus im Russischen Reich im 19. Jahrhundert. Sie zeigte die Zusammenhänge zwischen den „großen Anschlägen“ auf den Zaren Alexander II. 1881, den Innenminister Vjačeslav von Pleve 1904 oder den Großfürsten Sergej Alexandrovič 1905 und dem massenhaften, als ziellos und „unmotiviert“ bezeichneten Terror an der Peripherie des Reiches. In den Revolutionsjahren von 1905 bis 1907 eskalierte die Gewalt eben dort in zuvor unbekannter Weise. Nicht mehr hohe Repräsentanten der Obrigkeit, sondern Passanten und „ganz normale Menschen“ wurden Opfer dieser Taten. Mit dem Thema Zentrum und Peripherie stellte Anke Hillbrenner die Kategorie „Raum“ an den Anfang ihres Vortrages. Raum als historische Kategorie spielt eine Rolle in doppelter Hinsicht. Da wäre zunächst einmal der Ort, an dem der Terrorismus stattfindet: Die Straße steht dabei als urbane Lebensader im Fokus, da hier eine verletzbare Öffentlichkeit zur terroristischen Kommunikation missbraucht werden kann. Darüber hinaus spielen imperiale Raumvorstellungen für die Wahrnehmung des russischen Terrorismus eine Rolle – das Spannungsverhältnis zwischen Zentrum und Peripherie ist eines der Schlüsselprobleme der russländischen Geschichte, das sich durch die Kommunikation über die terroristische Gewalteskalation erhellen lässt.
Thomas Riegler, Wien
Österreich und der Nahostterrorismus 1973-1985
Zwischen 1973 und 1985 war Österreich und hier insbesondere Wien ein wichtiger Nebenschauplatz des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern, vor allem aber zwischen arabischen Gruppen untereinander. Diese Terrorwelle forderte insgesamt neun Tote und 71 Verletzte. Was diese Ereignisse über den österreichischen Kontext hinaus interessant macht, ist die Strategie, die die Regierung von Bundeskanzler Bruno Kreisky im Umgang mit dem Terror wählte. In der Frage, wie man der Bedrohung am „effektivsten“ begegnen solle, vertrat Kreisky konsequent den Standpunkt, dass man Terrorismus präventiv bekämpfen müsse.
Kreisky hat damit das Eingehen auf die politischen und sozialen Ursachen von terroristischer Gewalt betont und ist dieser Devise mit seiner Nahostpolitik gefolgt. Eine Rückbesinnung auf diese Form der Terrorbekämpfung – nämlich der Gewalt die Wurzeln und damit auch die Legitimation zu entziehen – ist angesichts der Krise militärisch dominierter Antiterrorpolitik aktueller denn je.
Maren Richter, LMU München
Terrorismus und moderner Personenschutz: die bedrohte Sicherheit. Antworten des Staates auf den Terrorismus 1970 bis 1998 in der Bundesrepublik Deutschland
Der Terrorismus der siebziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland brachte durch seine diffuse und ubiquitäre Bedrohung eine neue und ganz spezifische Art von Personenschutz hervor. Dieser Terrorismus definierte sich in der Auseinandersetzung mit einem „System“, dessen Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Justiz potentielle Anschlagsziele waren. Abgesehen von der eigentlichen Herausforderung des Personenschutzes, die Schutzpersonen zu sichern – die Ermordung Siegfried Bubacks oder die Entführung Hanns-Martin Schleyers zeigen, wie wenig auch ein so aufwendiges System Sicherheit garantieren konnte –, musste zunächst die Frage geklärt werden, welche Personen überhaupt gefährdet sind. Dies setzte systemische Überlegungen und Anstrengungen voraus, die bis dahin ohne Vorbild waren. Das Bundeskriminalamt entwickelte ein eigenes System zur Beurteilung von Sicherheit und zur Einstufung der Repräsentanten und organisierte neue Formen eines umfassenden Personenschutzes. Neue Hierarchien und Eliten entstanden in der westdeutschen Gesellschaft.
Anhand einer Mentalitäts- und Wahrnehmungsgeschichte der Sicherheit mittels Zeitzeugeninterviews zeichnete der Vortrag von Maren Richter somit die Durchdringung der Gesellschaft und der Politik durch die neue Kategorie Sicherheit nach, zeigte den immer stärkeren Sicherheitsdiskurs seit den 70er Jahren und somit die Entwicklung soziologische Phänomene der modernen Gesellschaft wie Abschottung, Begrenzung und Überwachung auf.
Frank Wehinger, Max-Planck Institut, Köln
Der strategische Einsatz von Selbstmordattentaten im Vergleich: Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) und Arbeiterpartei Kurdistans (PKK)
Selbstmordattentate, bei denen der Tod des Ausführenden mitgeplant wird, kommt eine besondere strategische Bedeutung zu: Die Durchführung von terroristischen Anschlägen ist bei dem Verzicht auf Selbstschutz leichter. Hinzu kommt die besondere Bedeutung der Selbstopferung als symbolischem Akt, der den Gegnern Entschlossenheit demonstriert und im eigenen Umfeld Unterstützung erzeugt. Das Attentat wird nach seinem politischen Gewinn bemessen. In seinem Beitrag diskutierte Frank Wehinger die Bedingungen, unter denen der Schritt zum Einsatz von Selbstmordattentaten vollzogen wird sowie unter denen von dieser Strategie wieder Abstand genommen wird.
Diese Analyse verglich zwei ähnlich gelagerte Fälle, in denen diese Form des Terrorismus jedoch in unterschiedlichen Ausmaßen vorkam. Die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE ) und die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sind ethnisch-nationalistische Bewegungen, die die Autonomie von dem Staat für ihre ethnische Minderheit anstreben. Die Konflikte ähneln sich insofern als beide Gruppierungen einen Guerilla-Krieg gegen das staatliche Militär betrieben haben bzw. betrieben. Im Einsatz von Selbstmordattentaten gibt es dennoch erhebliche Unterschiede. Die LTTE hat bis zur ihrer gewaltsamen Auflösung Selbstmordattentate kontinuierlich angewendet. Die PKK hat trotz fortdauernder bewaffneter Auseinandersetzungen davon nur zeitlich begrenzt Gebrauch gemacht.
Markus Meyrahn, Universität Freiburg
Terror nearby? Gesellschaftliche Ursachen der „homegrown networks“
In seinem Vortrag „Terror Nearby? Gesellschaftliche Ursachen der ‚homegrown networks‘“ untersucht Markus Meyran den Terrorismus der zweiten bzw. dritten Einwanderergeneration und radikalisierter Konvertiten in westlichen Gesellschaften. Im Gegensatz zu den Sicherheitsbehörden, die den „homegrown terrorism“ als Importproblem betrachten, orientiert sich der Referent an der eigentlichen Bedeutung des Begriffs homegrown und sondiert die innergesellschaftlichen Ursachen des Phänomens. Aus dieser Perspektive erscheint der homegrown terrorism als Reaktion auf den Ausschluss von sozialer Teilhabe und die Verkörperung des Anderen, welches für die Konstruktion einer kollektiven Identität unentbehrlich ist.
Beata Drygala, Universität Lodz
RAF goes pop - Terrorismus als ein popkulturelles Artefakt
Beata Drygala verfolgte in ihrer Diskussion die These, der RAF sei im Laufe der letzten Jahre ihre historisch-politische Dimension zugunsten der popkulturellen Adaptation abhanden gekommen. Ihr Vortrag veranschaulichte die popkulturelle Dimension der Roten Armee Fraktion anhand der Kunstausstellung „Zur Vorstellung des Terrors“ in Berlin, die die Debatte um eine popkulturelle Banalisierung des Terrorismus ausgelöst hat. Die Geschichte der RAF verliert durch die Umsetzung in ein popkulturelles Artefakt ihre ursprüngliche Bedeutung und wird somit zum ästhetischen Produkt, das zur Festigung der RAF-Legende beiträgt. Dies wird besonders in den Bildmedien sichtbar, denen eine ausgesprochen große Ausdruckskraft zuzuschreiben ist und die der Gefahr entgegenlaufen, die Gründungsmitglieder der Gruppe als romantische Helden darzustellen. Zur Veranschaulichung dieser These wurden u.a. Astrid Prolls Fotoalbum „Hans und Grete“ sowie Christoph Roths Film „Baader“ analysiert. Am Beispiel ausgewählter Werke der neueren deutschen Literatur versuchte Beate Drygala zu veranschaulichen, dass die Mechanismen der Ästhetisierung im Endeffekt zum Verlust der ursprünglichen Bedeutung und zur womöglich sogar zu einer Banalisierung des Terrorismus in der deutschen Geschichte führen können.
Jennifer Clare, Universität Hildesheim
"Re-Writing Baader-Meinhof – Strategien metamythischen Erinnerns bei zeitgenössischen Autorinnen und Autoren"
In ihrem Vortrag Re-Writing Baader-Meinhof – Strategien metamythischen Erinnerns bei zeitgenössischen Autorinnen und Autoren diskutierte Jennifer Clare ein alternatives literarisches Verarbeitungskonzept für Mythen um die Rote Armee Fraktion: das Konzept des Meta-Mythos. Am Beispiel verschiedener literarischer Texte von John von Düffel, Leander Scholz und Elfriede Jelinek wurden metamythische Erzählstrategien gezeigt und auf ihr Potential zur Aufarbeitung untersucht.
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